TRAINING (2.5.1)

Die Wissenschaft trägt in verschiedenen Funktionen zur gesellschaftlichen Entwicklung bei. Das Webportal zeigt auf, welche Rollen Forschende dabei einnehmen können, und bietet Ansätze, diese zu reflektieren.

Bild: Manu Friedrich

Forschende haben verschiedene Rollen

Rediro
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Wenn sich Forschende ihrer Rollen und deren Funktionen bewusst sind, können sie diese aktiv ausüben, mit Erwartungen umgehen und benennen oder aushandeln, wo der Einfluss der Wissenschaft aufhört.

Forschende unterstützen die Gesellschaft wirkungsvoll, wenn sie sich – im Rahmen der wissen­schaftlichen Integrität1 – in unterschiedlichen Rollen einbringen. Diese sind ihnen allerdings nicht immer vollständig be­wusst. Damit sie ihre Rollen adäquat wahrnehmen können und darin auch akzeptiert werden, müssen sie diese erkennen und transparent kommunizieren. Damit stecken sie den Rahmen ab, welchen Beitrag man von ihrer Arbeit erwarten darf. Dies gilt ebenso für andere Fachpersonen, die an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik arbeiten. Rollen können sich während eines Prozesses auch ändern.

Wissenschaftliche Arbeit ist potenziell wirksamer, wenn verschiedene Forschende verschiedene Rollen einnehmen. Unterschiedliche Rollen erleichtern das Einbinden des Wissens verschiedener gesellschaft­licher Akteur:innen. Dies führt zu einem breiteren Wissensbestand.

Je nach Rolle müssen sich Forschende von ihrer akademischen Identität distanzieren oder können in Konflikt mit ihren persönlichen Werten geraten. Besonders in öffentlichen Debatten oder in einer beratenden Funktion ist es deshalb wichtig zu unterscheiden und transparent zu machen, was wis­senschaftliches Wissen ist und was persönliche Meinung. Nicht immer wählt man seine Rolle selber. Sie kann einem auch von aussen zugeschrieben werden.

Forschende können in den oben skizzierten zwei Arten der Wissensproduktion folgende, wiederum idealtypische Rollen einnehmen:

  1. Reine Wissenschaftler:innen (pure scientists)2: Ihre Forschung generiert wissenschaftliches Wissen, das auch Politik und Gesellschaft zur Verfügung steht. Sie beteiligen sich nicht an ge­sellschaftlichen Entscheidungsprozessen und verfolgen keine Interessen.
  2. Schiedsrichter:innen (science arbiters)2: Im Auftrag von Politik und Gesellschaft beantworten sie abgestützt auf wissenschaftliches Wissen spezifische Fragen. Sie liefern Fakten zur Unterstützung gesell­schaftlicher Entscheidungsprozesse, ohne zu empfehlen, was zu bevorzugen ist.
  3. Ehrliche Vermittler:innen (honest brokers)2: Abgestützt auf wissenschaftliches Wissen zeigen sie der Politik und Gesellschaft die möglichen Handlungsoptionen auf und wie sich diese auswirken. Indem sie den Handlungsspielraum aufzeigen, unterstützen sie gesellschaftliche Entscheidungsprozesse, ohne sich für eine Option auszusprechen.
  4. Fürsprecher:innen (issue advocates)2: Sie empfehlen aufgrund wissenschaftlichen Wissens Politik und Gesellschaft, welche Handlungsoptionen diese bevorzugen sollen. Damit reduzieren sie die Bandbreite der verfügbaren Optionen. Sie bewerten das vermittelte Wissen normativ, nehmen bewusst politisch Stellung und beteiligen sich dadurch an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen.
  5. Moderator:innen (facilitators): Sie koordinieren die Zusammenarbeit zwischen den wissen­schaftlichen und gesellschaftlichen Akteur:innen, stellen eine gleichberechtigte Kommunikation sicher, erleichtern Lern- und Gestaltungsprozesse und integrieren das Wissen aus den verschiedenen Quellen.
  6. Berater:innen (advisors): Sie begleiten, unterstützen und coachen Akteur:innen dabei, Pro­zesse der Wissensproduktion integrativ und kollaborativ zu gestalten.
  7. Mediator:innen (mediators): Sie vermitteln zwischen verschiedenen Perspektiven oder bei Machtungleichgewichten und Konflikten zwischen Akteur:innen.

1. bis 4. kommen vor allem zum Tragen, wenn Forschende als Wissensproduzent:innen und -vermittler:innen agieren (Produktion von Wissen für die Gesellschaft); 5. bis 7. sind Beispiele von Rollen, die sie bei transdisziplinären Projekten (Koproduktion von Wissen) einnehmen können.

Forschende treten vermehrt auch als Aktivist:innen (activists) in Erscheinung: Sie leiten aus wis­senschaftli­chem Wissen oder ihrer Arbeit eine moralische Verpflichtung zu gesellschaftlichem Handeln ab und engagieren sich in sozialen Bewegungen.

Normative Position transparent machen

Forschung, die sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen beschäftigt, orientiert sich am gesellschaftlich Wünschbaren oder politisch Geforderten. Es ist deshalb hilfreich, explizit zu benennen, an welchen gesellschaftlichen Zielen sie sich ausrichtet, und die zugrundeliegenden Wertorientierungen transparent zu machen.

Forschende können sich wie im Fall der transdisziplinären Forschung aktiv an der Ausarbeitung gesell­schaftlich-politischer Ziele beteiligen. Sie können als Bürger:innen und Privatpersonen auch persönlich eine bestimmte politische Position einnehmen, die ihre Arbeit mitprägt, oder sich in sozialen Bewegungen, also ausserhalb ihrer Forschungsarbeit, für bestimmte Ziele einsetzen.

Es stellen sich folgende Fragen

  • Welche Rollen nehme ich im Rahmen meiner Forschung sinnvollerweise ein? Wie legitimiere ich sie? Wessen Erwartungen entsprechen sie?
  • Auf welche Werthaltungen, Meinungen und politischen Ziele bezieht sich meine Forschung oder meine Empfehlungen?
  • Wie stimmen diese mit meiner persönlichen Werthaltung überein?

1 Akademien der Wissenschaften Schweiz (2021): Kodex für Wissenschaftliche Integrität. Bern: Akademien der Wissenschat Schweiz

2 Pielke Jr R (2007) The Honest Broker: Making Sense of Science in Policy and Politics. Cambridge: Cambridge University Press